Sehnen übertragen die Kraft der Muskulatur auf das Skelett und speichern während der Bewegung elastische Energie. An den Gliedmaßen sind besonders die oberflächliche und tiefe Beugesehne klinisch bedeutsam. Die oberflächliche Beugesehne ist bei Sportpferden häufig von Überlastungsschäden betroffen, während Läsionen der tiefen Beugesehne auch innerhalb der Hufkapsel vorkommen können. Nicht jede Verdickung an der Sehne bedeutet einen frischen Faserriss: Entzündungen der Sehnenscheide, Verletzungen des Halteapparats und ältere Narben können ähnlich aussehen. Für eine sinnvolle Behandlung muss daher zunächst die genaue betroffene Struktur bestimmt werden.
Sehnen bestehen überwiegend aus längs ausgerichteten Kollagenfasern, deren Anordnung die hohe Zugfestigkeit ermöglicht. Nach einer Verletzung wird das beschädigte Gewebe zunächst entzündlich abgebaut und anschließend durch neu gebildete Matrix ersetzt. Dieses Ersatzgewebe ist anfangs weniger geordnet und mechanisch weniger belastbar als eine gesunde Sehne. Selbst wenn Wärme und Schwellung zurückgegangen sind, ist die ursprüngliche Festigkeit nicht automatisch wiederhergestellt. Die Reifung des Gewebes dauert viele Monate. Gerade diese Diskrepanz zwischen äußerlich gutem Eindruck und tatsächlicher Belastbarkeit erklärt, weshalb zu frühes intensives Training das Rückfallrisiko erhöhen kann.
Sehnenschäden können durch ein einzelnes Trauma oder durch wiederholte mikroskopische Überlastung entstehen. Hohe Geschwindigkeit, tiefer oder unebener Boden, Ermüdung und unzureichende Erholungszeiten können die Beanspruchung beeinflussen. Eine scheinbar plötzliche Verletzung kann deshalb bereits eine längere Vorschädigung voraussetzen. Andererseits kann ein Tritt oder eine Schnittverletzung direkt Sehnenfasern schädigen. Bei offenen Wunden nahe einer Sehne besteht zusätzlich das Risiko, dass eine Sehnenscheide oder ein Gelenk eröffnet wurde. Solche Verletzungen erfordern unverzügliche tierärztliche Versorgung, selbst wenn das Pferd zunächst noch relativ gut auftritt.
Typisch sind eine örtliche Schwellung, erhöhte Wärme, Druckempfindlichkeit und eine unterschiedlich ausgeprägte Lahmheit. Bei einer oberflächlichen Beugesehnenverletzung kann die Kontur an der Rückseite des Röhrbeins deutlich verändert sein. Manche tief liegenden Läsionen verursachen jedoch nur geringe sichtbare Veränderungen. Auch die Schmerzstärke lässt nicht zuverlässig auf das Ausmaß des Faserschadens schließen. Eine Sehne kann erheblich geschädigt sein, obwohl das Pferd nach kurzer Ruhe wieder flüssiger läuft. Deshalb sollte eine neu aufgetretene Schwellung nicht durch probeweises Weiterreiten auf ihre Harmlosigkeit getestet werden.
Bei Verdacht auf eine frische Sehnenverletzung sollte das Pferd aus der Arbeit genommen und bis zur tierärztlichen Untersuchung kontrolliert ruhig gehalten werden. Kühlung kann in der frühen Phase zur Begrenzung der lokalen Reaktion beitragen, ersetzt aber keine Diagnose. Ob ein Verband sinnvoll ist, hängt von Lokalisation, Schwellung und eventuellen Wunden ab. Unsachgemäß angelegte Bandagen können Druckschäden verursachen. Schmerzmittel sollten nicht eigenmächtig gegeben werden, da sie die Lahmheit vorübergehend verschleiern können. Besonders bei starker Lahmheit, auffälliger Gliedmaßenstellung oder offener Verletzung ist eine rasche Untersuchung erforderlich.
Der Ultraschall ist bei vielen Sehnenverletzungen das wichtigste bildgebende Verfahren. Er erlaubt die Beurteilung von Querschnittsfläche, Faserstruktur, Ausdehnung und Lokalisation einer Läsion. Wiederholte Untersuchungen können zeigen, wie sich das Gewebe im Verlauf verändert. Die Bildqualität hängt unter anderem von Gerät, Untersuchungstechnik und dem Zeitpunkt nach der Verletzung ab. Bei tief liegenden Läsionen innerhalb des Hufs sind Ultraschalluntersuchungen nur begrenzt möglich; dort kann eine Magnetresonanztomographie zusätzliche Informationen liefern. Röntgenaufnahmen sind hilfreich, wenn knöcherne Begleitverletzungen oder Verkalkungen vermutet werden.
Das Behandlungskonzept richtet sich nach betroffener Sehne, Ausmaß des Schadens, Begleitverletzungen und späterer Nutzung des Pferdes. In der akuten Phase stehen Schutz vor weiterer Überlastung und die Kontrolle von Schmerz und Entzündungsreaktion im Vordergrund. Bei bestimmten Verletzungen werden regenerative oder chirurgische Verfahren diskutiert. Die wissenschaftliche Evidenz ist je nach Methode unterschiedlich; kein Verfahren garantiert die Wiederherstellung einer vollständig normalen Sehne. Bei offenen oder komplizierten Läsionen kann eine Operation notwendig sein. Die Entscheidung sollte auf einer konkreten Diagnose beruhen und nicht allein auf der Hoffnung, die Heilung grundsätzlich beschleunigen zu können.
Die Rehabilitation ist ein wesentlicher Teil der Therapie. Häufig beginnt sie mit einer Phase begrenzter Bewegung und einem genau abgestimmten Schrittprogramm. Dauer und Steigerung werden anhand der klinischen Entwicklung und der bildgebenden Kontrollen festgelegt. Später können längere Schrittphasen, Trab und schließlich anspruchsvollere Belastungen folgen. Ein starres Schema ist problematisch, weil Verletzungen der oberflächlichen Beugesehne anders verlaufen können als solche der tiefen Beugesehne oder einer Sehnenscheide. Zu wenig kontrollierte Belastung kann die Gewebeorganisation beeinträchtigen; zu viel Belastung gefährdet die neu gebildeten Fasern.
Hufbalance und Belastungsverteilung können den Zug auf bestimmte Sehnen beeinflussen. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Sehnenschaden durch einen bestimmten Beschlag geheilt werden könnte. Veränderungen am Huf sollten mit Tierarzt und qualifizierter Hufbearbeitung abgestimmt werden. Im Training sind ausreichend lange Aufwärmphasen, eine stufenweise Steigerung der Intensität und Erholung nach hoher Belastung sinnvoll. Tiefer, ungleichmäßiger oder rutschiger Boden kann zusätzliche Risiken mit sich bringen. Auch nach einer klinischen Genesung bleibt die individuelle Vorgeschichte für die Trainingsplanung wichtig.
Die Prognose hängt wesentlich von der betroffenen Struktur, der Größe und Lage der Läsion sowie der angestrebten Belastung ab. Eine kleine Läsion bei einem Freizeitpferd ist anders zu bewerten als ein großer Defekt bei einem Rennpferd. Wiederverletzungen können auftreten, weil Narbengewebe und benachbarte gesunde Fasern unter Belastung unterschiedlich reagieren. Ultraschallbilder allein sind kein vollständiger Belastbarkeitstest; sie müssen mit klinischer Untersuchung und dem bisherigen Rehabilitationsverlauf zusammen betrachtet werden. Eine sorgfältige Rückkehr zur Arbeit bietet bessere Voraussetzungen als die Orientierung an einer möglichst kurzen Pause.
Eine erneute Schwellung, zunehmende Wärme, Lahmheit nach Belastungssteigerung oder ein verändertes Gangbild sind Gründe, den Rehabilitationsplan überprüfen zu lassen. Auch bei äußerlich unauffälligem Verlauf können vereinbarte Ultraschallkontrollen wichtig sein. Besitzer sollten Datum, Umfang und Reaktion auf einzelne Trainingsschritte dokumentieren. Damit lässt sich besser erkennen, ob Beschwerden mit einer bestimmten Belastung zusammenhängen. Nach einem Rückfall ist es nicht ausreichend, lediglich einige Tage zu pausieren und anschließend zum alten Programm zurückzukehren; vielmehr muss die Verletzung erneut beurteilt werden.
Eine Sehnenverletzung bedeutet nicht zwangsläufig das Ende jeder sportlichen Nutzung. Entscheidend sind die anatomische Heilung, die funktionelle Belastbarkeit und die Anforderungen an das Pferd. Manchmal ist eine Rückkehr zum früheren Leistungsniveau möglich, in anderen Fällen ist eine angepasste Nutzung die vernünftigere Option. Auch Haltung und kontrollierte freie Bewegung müssen zum jeweiligen Heilungsstadium passen. Ziel ist nicht bloß eine möglichst frühe Lahmheitsfreiheit, sondern eine langfristig tragfähige Funktion mit möglichst geringem erneuten Verletzungsrisiko.
Merck Veterinary Manual: https://www.merckvetmanual.com/musculoskeletal-system/lameness-in-horses/tendon-and-ligament-injuries-in-horses