Übergewicht beim Pferd

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.

Wann ein Pferd wirklich übergewichtig ist

Übergewicht bedeutet eine übermäßige Ansammlung von Körperfett, nicht lediglich ein hohes Gewicht auf der Waage. Ein großrahmiges, gut bemuskeltes Pferd kann schwer sein, ohne zu viel Fett zu tragen. Umgekehrt kann ein kleineres Pferd mit moderatem Gesamtgewicht deutliche Fettdepots besitzen. Für die Einschätzung werden Körperkondition, regionale Fettansammlungen und die Entwicklung über die Zeit gemeinsam betrachtet. Besonders am Halskamm, hinter der Schulter und am Schweifansatz können sich Fettpolster zeigen. Die gesundheitliche Relevanz hängt nicht nur von der Fettmenge, sondern auch von der individuellen Insulinregulation und weiteren Risikofaktoren ab.

Body-Condition-Score richtig nutzen

Der Body-Condition-Score (BCS) ist ein standardisiertes Verfahren, um den Fettzustand anhand definierter Körperregionen einzuschätzen. Häufig wird eine Skala von eins bis neun verwendet. Dabei werden beispielsweise Rippen, Rücken, Widerrist, Hals und Schweifansatz beurteilt. Ein einzelner Blick auf den Bauch reicht nicht: Ein großer Bauch kann auch durch viel Raufuttervolumen oder eine schwache Bauchmuskulatur entstehen. Der BCS ist außerdem kein Ersatz für eine Untersuchung der Muskulatur. Besonders ältere Pferde können gleichzeitig Fettpolster und eine verminderte Oberlinienmuskulatur aufweisen. Regelmäßige Bewertungen durch dieselbe geschulte Person verbessern die Vergleichbarkeit.

Der Halskamm als besonderes Merkmal

Ein ausgeprägter oder verhärteter Halskamm kann auf regionale Fettansammlungen hinweisen, die bei insulinassoziierten Stoffwechselproblemen besonders relevant sind. Der sogenannte Cresty-Neck-Score ergänzt daher die allgemeine Körperkonditionsbeurteilung. Allerdings bedeutet ein kräftiger Hals nicht bei jedem Pferd eine Erkrankung. Rasse, Geschlecht, Trainingszustand und individueller Körperbau beeinflussen die Form. Umgekehrt kann ein Pferd mit relativ unauffälligem Hals dennoch eine Insulindysregulation besitzen. Die Untersuchung von Fettdepots liefert Hinweise, ersetzt aber keine geeigneten Blutuntersuchungen, wenn der Verdacht auf ein metabolisches Problem besteht.

Warum Übergewicht mehr als ein Schönheitsproblem ist

Übermäßige Fettdepots können mit Veränderungen des Stoffwechsels und einer erhöhten Belastung des Bewegungsapparats einhergehen. Bei insulinempfindlichen beziehungsweise insulinregulationsgestörten Pferden besteht ein besonders relevantes Risiko für endokrinopathische Hufrehe. Zusätzlich kann starkes Übergewicht die Thermoregulation erschweren und die körperliche Leistungsfähigkeit begrenzen. Nicht jede Erkrankung eines übergewichtigen Pferdes wird allerdings durch das Fettgewebe verursacht. Lahmheiten, Atemwegsprobleme und Leistungsschwäche benötigen weiterhin eine eigenständige diagnostische Beurteilung. Ziel der Gewichtsreduktion ist die Verbesserung des gesundheitlichen Risikoprofils, nicht das Erreichen eines beliebigen Idealbilds.

Insulindysregulation und Hufreherisiko

Bei manchen Pferden steigt die Insulinkonzentration nach der Aufnahme leicht verfügbarer Kohlenhydrate ungewöhnlich stark oder bleibt übermäßig lange erhöht. Diese Insulindysregulation ist ein wesentlicher Mechanismus der endokrinopathischen Hufrehe. Übergewicht tritt dabei häufig auf, ist aber keine zwingende Voraussetzung. Bei gefährdeten Pferden kann der Tierarzt basale oder dynamische Tests der Insulinregulation empfehlen. Die Interpretation hängt vom Testverfahren und der Fütterung vor der Untersuchung ab. Ein normaler Nüchternwert schließt eine problematische Reaktion nach Futteraufnahme nicht in jedem Fall aus. Daher ist die Auswahl des diagnostischen Verfahrens entscheidend.

Die Energiebilanz verstehen

Eine Gewichtsreduktion setzt langfristig voraus, dass die aufgenommene Energie unter dem tatsächlichen Bedarf liegt. Die Energieaufnahme hängt nicht nur von Kraftfutter ab, sondern wesentlich von Menge und Qualität des Raufutters sowie von Weidegras. Pferde können auf energiereicher Weide beträchtliche Mengen aufnehmen, selbst wenn sie kaum zusätzliches Futter erhalten. Gleichzeitig unterscheiden sich Energiebedarf und Stoffwechsel zwischen Individuen. Eine Fütterungsanalyse sollte deshalb die tatsächlichen Futtermengen, die Arbeitsbelastung, die Haltung und möglichst eine Raufutteruntersuchung berücksichtigen. Pauschale Futterverbote ohne Berechnung können zu Unterversorgung führen.

Raufutter kontrollieren, ohne zu hungern

Raufutter bleibt die Grundlage einer pferdegerechten Fütterung, auch während einer Diät. Die Auswahl eines energieärmeren, hygienisch einwandfreien Raufutters kann helfen, die aufgenommene Energie zu senken, ohne lange Fresspausen zu provozieren. Die tägliche Menge muss zum individuellen Bedarf passen und darf nicht willkürlich extrem reduziert werden. Engmaschige Heunetze oder zeitgesteuerte Fütterung können die Aufnahme verlangsamen, müssen aber hinsichtlich Sicherheit, Zahngesundheit und Stress bewertet werden. Starkes Hungern kann unerwünschte Stoffwechsel- und Verhaltensfolgen haben. Eine sachgerechte Ration deckt trotz Energiereduktion den Bedarf an Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen.

Weidegang individuell gestalten

Gras ist hinsichtlich seines Gehalts an leicht verfügbaren Kohlenhydraten sehr variabel. Tageszeit, Wetter, Pflanzenart, Wachstumsphase und Stressbedingungen beeinflussen die Zusammensetzung. Eine feste Regel wie „morgens ist Weide immer sicher“ wäre daher unzuverlässig. Bei Pferden mit ausgeprägter Insulindysregulation oder vorausgegangener Hufrehe kann eine zeitweilige oder längerfristige Einschränkung des Weidegangs erforderlich sein. Andere Pferde können unter kontrollierten Bedingungen weiden. Die Entscheidung sollte das individuelle Risiko und die aktuelle Hufsituation berücksichtigen. Bewegung und Sozialkontakt müssen gegebenenfalls auf andere Weise ermöglicht werden.

Bewegung hilft – außer bei aktiver Hufrehe

Regelmäßige Bewegung kann die Energiebilanz verbessern und sich günstig auf die Insulinregulation auswirken. Ein Trainingsprogramm muss jedoch zu Alter, Kondition und orthopädischer Belastbarkeit passen. Besonders übergewichtige Pferde sind nicht automatisch fit für intensive Arbeit. Bei akuter Hufrehe ist zusätzliche Bewegung potenziell schädlich; dann stehen Schonung und Hufstabilisierung im Vordergrund. Erst nach tierärztlicher Freigabe kann das Training schrittweise aufgebaut werden. Eine Gewichtsabnahme allein durch Sport ist oft schwer zu erreichen, wenn die Energiezufuhr unverändert hoch bleibt. Fütterung und Aktivität müssen deshalb gemeinsam geplant werden.

Fortschritte sinnvoll dokumentieren

Das Körpergewicht lässt sich mit einer geeigneten Waage am genauesten bestimmen. Maßbänder liefern eher Näherungen, können bei standardisierter Anwendung aber Veränderungen sichtbar machen. Ergänzend sind Fotos aus gleichbleibenden Perspektiven, BCS und Halskammbeurteilung hilfreich. Eine moderate, stetige Gewichtsabnahme ist sinnvoller als abrupte Schwankungen. Bleibt der Fortschritt aus, sollten tatsächliche Futtermengen und unbemerkte zusätzliche Energiequellen überprüft werden. Auch ein zu schneller Verlust verlangt eine Anpassung. Wichtig ist, Muskelabbau nicht fälschlich als erfolgreichen Fettverlust zu werten. Regelmäßige Kontrollen helfen, die Ration bedarfsgerecht nachzusteuern.

Psychische und soziale Aspekte

Pferde sind auf häufige Futteraufnahme und soziale Interaktion ausgerichtet. Eine Diät, die zu langen Hungerphasen, Isolation oder dauerhafter Frustration führt, kann das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen. Die Gestaltung von Fressplätzen, Gruppenhaltung und Beschäftigung gehört deshalb zum Gewichtsmanagement. In Gruppen muss kontrolliert werden, ob ein einzelnes Pferd Zugang zu fremden Rationen erhält oder umgekehrt von anderen verdrängt wird. Langfristig erfolgreiche Maßnahmen sollten nicht nur rechnerisch funktionieren, sondern im Alltag zuverlässig umsetzbar sein. Das schließt die Einbindung aller betreuenden Personen ein, damit zusätzliche Leckerbissen oder Futtergaben nicht unbemerkt die Planung verändern.

Wann weitere Diagnostik nötig ist

Bei deutlich ausgeprägten Fettdepots, wiederkehrender Fühligkeit, Hufrehe oder auffälliger Halskammveränderung sollte die Insulinregulation tierärztlich geprüft werden. Bei älteren Pferden mit Fellwechselstörungen kann zusätzlich PPID eine Rolle spielen. Auch wenn ein Pferd trotz sorgfältig dokumentierter Ration ungewöhnlich stark zunimmt oder keine Gewichtsreduktion erreicht, ist eine erneute Untersuchung sinnvoll. Die Ursache ist nicht zwangsläufig eine hormonelle Erkrankung: Messfehler, unerkannte Futterquellen und ein überschätzter Energieverbrauch sind häufige praktische Erklärungen. Eine gute Abklärung verbindet daher klinische Diagnostik mit einer ehrlichen Überprüfung des Fütterungsalltags.

Weiterführende Fachinformationen

https://www.merckvetmanual.com/metabolic-disorders/equine-metabolic-syndrome/equine-metabolic-syndrome

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