Untergewicht und Gewichtsverlust beim Pferd

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.

Untergewicht ist ein Befund, keine Diagnose

Ein Pferd kann zu wenig Körperfett, zu wenig Muskulatur oder beides besitzen. Sichtbare Rippen, ein hervortretendes Becken und eine schwache Oberlinie können unterschiedliche Ursachen haben. Bei manchen Tieren ist die Energieaufnahme zu gering, bei anderen wird das angebotene Futter nicht ausreichend gekaut, verdaut oder verwertet. Chronische Krankheiten können den Bedarf erhöhen oder den Appetit senken. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem seit Langem schlanken, stabilen Pferd und einem Tier, das innerhalb kurzer Zeit sichtbar abbaut. Ein unerklärter Gewichtsverlust sollte nicht lediglich mit mehr Kraftfutter beantwortet werden, bevor mögliche medizinische Ursachen geprüft wurden.

Körperfett und Muskulatur getrennt betrachten

Der Body-Condition-Score beurteilt vor allem die Fettreserven. Die Muskulatur muss zusätzlich betrachtet werden, insbesondere an Rücken, Kruppe und Hals. Ein älteres Pferd kann trotz ausreichender Fettreserven deutlich Muskulatur verlieren. Umgekehrt kann ein sportliches, schlankes Tier eine gute Muskelentwicklung besitzen. Veränderungen der Oberlinie können durch mangelnde Trainingsreize, Schmerzen, neurologische Erkrankungen oder endokrine Störungen entstehen. Eine sorgfältige Dokumentation mit Gewicht, Körperkondition, Muskelstatus und Fotos hilft, den Verlauf objektiver zu beurteilen. Allein das Bauchvolumen ist wenig aussagekräftig, weil es stark von Futterfüllung und Körperbau abhängt.

Zahnprobleme als häufige Ursache

Scharfe Schmelzkanten, Zahnfrakturen, schmerzhafte Zahnzwischenräume oder Entzündungen des Zahnhalteapparats können die Futteraufnahme beeinträchtigen. Manche Pferde fressen weiterhin scheinbar normal, verlieren jedoch beim Kauen Futter oder benötigen deutlich länger für eine Mahlzeit. Typische Hinweise sind Futterwickel, einseitiges Kauen, ungewöhnlicher Mundgeruch und Gewichtsverlust. Eine vollständige Untersuchung der Maulhöhle erfordert häufig geeignete Ausrüstung und Sedierung. Eine oberflächliche Kontrolle der Schneidezähne reicht nicht aus, um Erkrankungen der Backenzähne auszuschließen. Bei anhaltendem Gewichtsverlust gehört der Zahnstatus daher zur grundlegenden Abklärung.

Futtermenge und Futterqualität überprüfen

Entscheidend ist, wie viel Futter das Pferd tatsächlich aufnimmt, nicht nur, wie viel angeboten wird. In Gruppen können rangniedrige Tiere verdrängt werden, während andere Pferde die Ration mitfressen. Raufutter kann stark in Energie- und Proteingehalt variieren; eine Analyse kann bei unklarer Versorgung hilfreich sein. Auch schlecht kaubares oder hygienisch problematisches Heu kann die Aufnahme vermindern. Eine schrittweise Anpassung der Ration muss den gesamten Bedarf berücksichtigen. Mehr Getreide ist nicht automatisch die beste Lösung und kann insbesondere bei empfindlichen oder stoffwechselkranken Pferden neue Risiken schaffen. Häufig ist zunächst die Sicherung einer ausreichenden Raufutteraufnahme entscheidend.

Parasiten und Darmerkrankungen

Endoparasiten können die Gesundheit des Verdauungstrakts beeinträchtigen, erklären aber nicht jeden Gewichtsverlust. Kleine Strongyliden, Bandwürmer und andere Parasiten haben unterschiedliche Lebenszyklen und diagnostische Besonderheiten. Eine einzelne negative Kotprobe schließt bestimmte Parasitenstadien nicht zuverlässig aus. Daneben kommen chronische Entzündungen des Darms, Störungen der Nährstoffaufnahme und seltener andere organische Erkrankungen infrage. Hinweise können wiederkehrender Durchfall, Kolik, veränderte Eiweißwerte oder Leistungsabfall sein. Die Auswahl von Kotuntersuchungen, Bluttests und weiterführender Diagnostik richtet sich nach dem Gesamtbild und sollte nicht durch wahllose Entwurmung ersetzt werden.

Chronische Entzündung und Organerkrankungen

Länger bestehende Entzündungen, Erkrankungen von Leber oder Nieren sowie chronische Infektionen können mit Gewichtsverlust einhergehen. Manche Prozesse führen zu vermindertem Appetit, andere zu einem erhöhten Energieverbrauch oder zu Verlusten von Eiweiß. Blutuntersuchungen können Hinweise auf Entzündung, Blutarmut, Eiweißmangel oder Organfunktionsstörungen liefern. Normale Laborwerte schließen jedoch nicht jede Erkrankung aus. Deshalb müssen Vorbericht, klinische Untersuchung und Verlauf gemeinsam beurteilt werden. Bei Verdacht auf eine Erkrankung des Verdauungstrakts können Ultraschall, rektale Untersuchung oder weitere spezifische Verfahren erforderlich werden.

PPID und andere Stoffwechselprobleme

Bei älteren Pferden kann PPID mit Verlust von Muskulatur und einer veränderten Körperzusammensetzung einhergehen. Ein langes Fell, verzögerter Fellwechsel, wiederkehrende Infektionen oder Hufrehe können zusätzliche Hinweise geben. Die Diagnose erfordert eine geeignete hormonelle Untersuchung mit jahreszeitlich passender Interpretation. Nicht jedes magere alte Pferd hat jedoch PPID. Auch Zahnprobleme, unzureichende Futteraufnahme, Schmerzen und normale altersbezogene Veränderungen müssen berücksichtigt werden. Bei gleichzeitiger Insulindysregulation ist die Fütterung besonders sorgfältig zu planen, damit die notwendige Energieversorgung nicht zu einem erhöhten Hufreherisiko führt.

Schmerzen und Verhaltensänderungen

Chronische Lahmheiten, Rückenschmerzen und andere schmerzhafte Erkrankungen können die Futteraufnahme und die allgemeine Aktivität verändern. Manche Pferde meiden lange Wege zur Futterstelle oder werden in der Gruppe verdrängt, weil sie sich schlechter bewegen können. Auch Stress durch häufige Stallwechsel, unpassende Gruppenzusammensetzung oder fehlende Ruhe kann das Fressverhalten beeinflussen. Solche Faktoren sind medizinisch relevant, ersetzen aber nicht die Suche nach organischen Ursachen. Eine Beobachtung des Pferdes während der gesamten Fütterungszeit ist oft aufschlussreicher als ein kurzer Blick in den Trog. Dabei sollte auch auf Kauen, Schlucken und mögliche Abwehrreaktionen geachtet werden.

Wie die tierärztliche Abklärung abläuft

Zu Beginn werden Gewichtsverlauf, Fütterung, Haltungsbedingungen, Entwurmung, Zahnpflege, Medikamente und frühere Erkrankungen erfasst. Die klinische Untersuchung umfasst unter anderem Schleimhäute, Herz und Lunge, Temperatur, Lymphknoten, Bauch und Bewegungsapparat. Je nach Befund folgen Blutbild, klinische Chemie, Kotuntersuchungen und eine gründliche Zahnkontrolle. Ultraschall oder andere bildgebende Verfahren können bei Verdacht auf Erkrankungen innerer Organe helfen. Ziel ist eine gezielte, schrittweise Diagnostik statt einer unübersichtlichen Sammlung von Tests. Ein klarer Verlauf mit dokumentierten Gewichtswerten erleichtert die Entscheidung, welche Untersuchung als Nächstes sinnvoll ist.

Wiederauffütterung muss kontrolliert erfolgen

Bei deutlich abgemagerten Pferden ist eine vorsichtige Wiederauffütterung erforderlich. Eine plötzliche große Zufuhr energiereicher Futtermittel kann den Verdauungstrakt belasten; bei schwerer Auszehrung bestehen zusätzliche Risiken durch abrupte Stoffwechselverschiebungen. Deshalb sollte die Ration schrittweise und bei starkem Untergewicht unter tierärztlicher Begleitung aufgebaut werden. Hochwertiges, gut kaubares Raufutter bildet häufig die Grundlage. Bei Zahnproblemen können geeignete eingeweichte Faserfuttermittel helfen, sofern sie sicher aufgenommen werden. Die Versorgung mit Protein, Mineralstoffen und Vitaminen muss ebenso berücksichtigt werden wie die Energiezufuhr. Der Erfolg wird nicht allein am steigenden Gewicht, sondern auch an Kot, Appetit und Allgemeinzustand gemessen.

Ältere Pferde brauchen individuelle Lösungen

Mit zunehmendem Alter können Zahnsubstanz, Kauleistung, Beweglichkeit und soziale Durchsetzungsfähigkeit abnehmen. Ein Seniorpferd benötigt daher möglicherweise mehr Zeit zum Fressen, einen geschützten Futterplatz oder eine andere Futterstruktur. Gleichzeitig dürfen altersbedingte Veränderungen nicht als Erklärung für einen raschen Gewichtsverlust genügen. Wiederkehrende Schmerzen, PPID, Zahninfektionen und andere Erkrankungen bleiben behandelbare oder zumindest beeinflussbare Faktoren. Ziel ist eine Ration, die tatsächlich aufgenommen und verwertet werden kann, ohne die Verdauung zu überlasten. Regelmäßige Kontrollen des Zahnstatus und der Körperkondition sind besonders wichtig.

Verlauf und Warnzeichen

Ein langsamer, dokumentierter Aufbau von Körperreserven ist ein gutes Zeichen, beweist aber nicht, dass die ursprüngliche Ursache vollständig geklärt ist. Bei anhaltendem Abbau trotz angepasster Fütterung muss die Diagnostik erweitert werden. Akute Fressverweigerung, Koliksymptome, Schluckstörungen, ausgeprägter Durchfall, Fieber oder deutliche Schwäche erfordern rasche tierärztliche Hilfe. Bei chronischen Fällen sind regelmäßige Gewichtskontrollen, Fotos und eine Beurteilung der Muskulatur sinnvoll. Eine erfolgreiche Betreuung verbindet Ursachenbehandlung, geeignete Fütterung, Zahnpflege und eine Haltung, in der das Pferd seine Ration zuverlässig aufnehmen kann.

Weiterführende Fachinformationen

https://www.merckvetmanual.com/management-and-nutrition/nutrition-horses/nutritional-requirements-of-horses

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