Fachinformation für Pferdehalterinnen und Pferdehalter. Die Untersuchung und Behandlung erkrankter Pferde gehört in tierärztliche Hände.
Das Pferdeauge ist empfindlich, und vermeintlich kleine Veränderungen können sich innerhalb kurzer Zeit zu sehgefährdenden Erkrankungen entwickeln. Besonders Verletzungen der Hornhaut, bakterielle oder pilzbedingte Infektionen sowie Entzündungen im Augeninneren erfordern eine rasche Untersuchung. Ein zugekniffenes Auge ist kein harmloses Zeichen von Müdigkeit, sondern häufig Ausdruck erheblicher Schmerzen. Die Behandlung hängt entscheidend davon ab, welche Augenstruktur betroffen ist. Tropfen, die bei einer Erkrankung hilfreich sind, können bei einer anderen erhebliche Schäden verursachen. Deshalb sollte ein schmerzhaftes, gerötetes oder trübes Auge noch am selben Tag tierärztlich untersucht werden.
Typische Symptome sind starkes Blinzeln, Zusammenkneifen der Lider, Tränenfluss, Lichtscheu und eine auffällige Rötung der Bindehaut. Die Hornhaut kann milchig, bläulich oder weißlich getrübt erscheinen; manchmal ist eine oberflächliche Verletzung mit bloßem Auge sichtbar. Gelblicher Ausfluss, eine unregelmäßige Pupille oder ein deutlich kleineres Auge sind weitere Warnzeichen. Manche Pferde scheuern den Kopf, was die Verletzung verschlimmern kann. Auch eine plötzlich veränderte Orientierung oder Schreckhaftigkeit kann auf eine Sehstörung hinweisen. Bei Augenschmerzen sollte das Pferd möglichst ruhig und vor weiterer mechanischer Reizung geschützt untergebracht werden.
Die Hornhaut ist die transparente äußere Begrenzung des Auges und für die Lichtbrechung wesentlich. Ihre oberflächliche Epithelschicht schützt tiefere Gewebe vor Keimen und mechanischen Schäden. Wird diese Barriere verletzt, können Mikroorganismen eindringen und ein Hornhautgeschwür entstehen. Die Hornhaut ist stark mit sensiblen Nerven versorgt, weshalb selbst kleine Defekte ausgeprägte Schmerzen verursachen können. Tiefe Schäden gefährden die Stabilität des Augapfels; im Extremfall droht eine Perforation. Die Hornhaut besitzt keine Blutgefäße, weshalb Entzündungsreaktionen und Heilung besonderen Bedingungen unterliegen. Oberflächliche und tiefe Defekte müssen diagnostisch klar unterschieden werden.
Äste, Strohhalme, Staubpartikel, Insekten oder Fremdkörper können die Hornhaut beschädigen. Auch Verletzungen durch Scheuern und Unfälle im Stall sind möglich. Bei Pferden mit gestörter Lidfunktion oder unvollständigem Lidschluss kann die Hornhaut austrocknen und geschädigt werden. Nicht jeder Hornhautdefekt entsteht durch ein einmaliges Trauma; chronische Reizungen und Infektionen können ebenfalls eine Rolle spielen. Nach einer Verletzung ist die Frage wichtig, ob zusätzlich ein Fremdkörper im Auge oder unter dem Lid verblieben ist. Besitzer sollten keinesfalls mit Pinzetten oder anderen Gegenständen am Auge manipulieren.
Zur Untersuchung gehören die Beurteilung von Lidern, Bindehaut, Hornhaut, Pupillenreaktion und Augeninnerem. Häufig wird Fluoreszein eingesetzt: Der Farbstoff haftet an Stellen, an denen das Hornhautepithel fehlt, und macht Defekte sichtbar. Eine Spaltlampenuntersuchung hilft, Tiefe und Beschaffenheit einer Läsion zu beurteilen. Je nach Befund sind Proben für Zytologie oder mikrobiologische Kultur sinnvoll, insbesondere bei tiefen, infizierten oder schlecht heilenden Ulzera. Der Augeninnendruck kann relevant sein, wird aber nur unter geeigneten Bedingungen gemessen. Die Untersuchung muss gegebenenfalls unter Sedierung und mit sicherer Fixierung erfolgen.
Eine geschädigte Hornhaut kann von Bakterien oder Pilzen besiedelt werden. Pferde sind besonders für pilzbedingte Hornhauterkrankungen anfällig, weil ihre Augen häufig mit pflanzlichem Material und Umweltkeimen in Kontakt kommen. Hinweise auf eine Infektion sind zunehmende Trübung, Einlagerungen in der Hornhaut, Schmerzen und fortschreitender Gewebeverlust. Manche Keime produzieren Enzyme, die Hornhautgewebe rasch abbauen; diese sogenannte Einschmelzung ist ein Notfall. Die Behandlung muss gegen den tatsächlichen Erreger und den Schweregrad gerichtet sein. Bei Verdacht auf Pilzinfektion kann eine gezielte Probeentnahme die Auswahl geeigneter Medikamente unterstützen.
Unkomplizierte oberflächliche Defekte können unter geeigneter tierärztlicher Behandlung relativ rasch abheilen. Üblicherweise werden Infektionsschutz, Schmerzmanagement und Verlaufskontrollen kombiniert. Welche Augentropfen erforderlich sind, hängt von Tiefe, Infektionsverdacht und Begleitentzündung ab. Ein Schutz vor Scheuern ist wichtig, weil Selbsttraumatisierung den Defekt vergrößern kann. Eine Augenmaske darf das erkrankte Auge nicht berühren oder durch Druck reizen. Besitzer sollten die verordneten Tropfen in der richtigen Häufigkeit anwenden und die Spitze des Fläschchens nicht mit dem Auge in Kontakt bringen. Eine Verschlechterung erfordert sofortige erneute Untersuchung.
Tiefe Hornhautgeschwüre, Einschmelzungen und drohende Perforationen können eine intensive Behandlung in einer Pferdeklinik erfordern. Abhängig von der Ursache kommen häufige lokale Medikamentengaben, ein subpalpebrales Spülsystem oder chirurgische Verfahren infrage. Bei geeigneten Fällen können Hornhauttransplantate oder Bindehautlappen das geschädigte Gewebe stabilisieren. Ziel ist zunächst der Erhalt eines schmerzfreien, möglichst sehfähigen Auges. Nicht jeder Defekt lässt sich konservativ behandeln, und ein Abwarten kann die Operationsmöglichkeiten verschlechtern. Die Prognose hängt wesentlich von der Tiefe des Schadens, dem Erreger und dem Zeitpunkt der Therapie ab.
Eine Bindehautentzündung kann durch Staub, Insekten, Fremdkörper, Verletzungen oder Infektionen entstehen. Rötung und Ausfluss allein erlauben aber keine sichere Unterscheidung zwischen Konjunktivitis, Hornhautgeschwür und einer Entzündung im Augeninneren. Auch Tränenwegsprobleme, Lidfehlstellungen und Erkrankungen hinter dem Augapfel können ähnliche Beschwerden auslösen. Besonders einseitige, ausgeprägte Symptome sprechen dafür, eine lokale Ursache sorgfältig zu suchen. Bei wiederkehrendem Tränenfluss kann die Durchgängigkeit des Tränen-Nasen-Kanals überprüft werden. Eine rein äußerliche Betrachtung ohne Fluoreszeinprobe kann gefährliche Hornhautdefekte übersehen.
Bei einer Uveitis sind Strukturen im Augeninneren entzündet. Sie kann mit Schmerz, Lichtscheu, Trübung, kleiner Pupille und veränderter Augeninnendrucklage einhergehen. Die equine rezidivierende Uveitis ist eine besondere wiederkehrende Erkrankung, die langfristig zur Erblindung führen kann. Eine akute Uveitis und ein Hornhautgeschwür können ähnliche äußere Symptome haben, benötigen aber teils unterschiedliche Behandlungsansätze. Besonders wichtig: Kortikosteroidhaltige Augentropfen können bei vorhandenen Hornhautdefekten Infektionen und Gewebezerfall begünstigen. Deshalb dürfen solche Präparate nicht ohne gesicherte Untersuchung und tierärztliche Anweisung verwendet werden.
Hausmittel, Kamillentee, desinfizierende Hautlösungen oder frei gewählte Augensalben sind keine sichere Behandlung für ein schmerzhaftes Pferdeauge. Auch alte, angebrochene Medikamente aus früheren Erkrankungen können ungeeignet oder verunreinigt sein. Das Auge sollte nicht gewaltsam geöffnet oder mit Druck ausgespült werden. Bei einem sichtbaren Fremdkörper, der im Gewebe steckt, besteht Verletzungsgefahr durch unkontrolliertes Entfernen. Bis zur Untersuchung helfen ein ruhiger, möglichst staubarmer Platz und das Verhindern von Scheuern. Wichtig ist, Zeitpunkt und Verlauf der Symptome sowie bereits verwendete Mittel der Tierärztin oder dem Tierarzt genau mitzuteilen.
Die Prognose reicht von vollständiger Heilung kleiner oberflächlicher Verletzungen bis zu bleibenden Hornhautnarben, Sehverlust oder Verlust des Auges bei schweren Verläufen. Entscheidend sind eine frühe Diagnose, passende Behandlung und engmaschige Kontrollen. In der Haltung können scharfe Kanten, vorstehende Äste und andere mechanische Gefahren reduziert werden. Staubarme Einstreu und angemessener Insektenschutz können zusätzliche Reizungen begrenzen, ersetzen jedoch keine medizinische Versorgung. Nach einer Augenerkrankung sollten Besitzer auf erneutes Kneifen, Tränenfluss oder Trübung achten. Bei solchen Zeichen ist eine erneute Untersuchung dringlich, auch wenn die letzte Behandlung erst kurz zurückliegt.
Merck Veterinary Manual: https://www.merckvetmanual.com/ | American Association of Equine Practitioners (AAEP): https://aaep.org/